AID EL IDHA –

Eingeladen zum Opferfest in einer tunesischen Familie

Felix Transfeld

Schon Wochen vorher zeigt der Aid el Idha seine Vorboten. In allen Familien laufen die Vorbereitungen, Verwandte auch aus weiterer Entfernung haben sich angesagt, Viehhändler aus den ländlichen Gegenden treiben ihre Herden auch in das Zentrum von Tunis um einen guten Preis für ihre Tiere zu erzielen. Alle sind wieder erbost auf Grund der im Vergleich zum letzten Jahr wieder gestiegenen Preise. Aber ein Hammel muss sein...

So füllen sich denn die Gärten und Vorhöfe immer mehr mit einem Meckern und Blöken, die stolzen Besitzer führen ihre Tiere abends wie einen Hund an der Leine auf die wenigen Wiesen; hurtig fährt noch einer mit einem Moped vorbei und hält verzweifelt ein Tier auf dem Rücksitz fest.

Ich bin ein wenig stolz, Mohamed, der Schwager meiner Freundin Monia, lud mich in seine Familie zum Opferfest ein. Früh sollte ich kommen, damit ich auch ja alles mitbekomme...

Für die Frauen in der Familie ist das Fest Knochenarbeit, schon seitTagen sind sie mit allen Vorbereitungen im Einsatz. Ein sonniger Morgen, noch trollen sich die Hammel, grosse und kleine auf der Strasse, machen ihre Bockkämpfchen... "Ein Grosser muss es schon sein, einen Kleinen mag der liebe Gott nicht !" sagt Monia. Monias Mutter bietet mir einen Kaffee an, die Kinder spielen vor dem Haus mit den beiden Hammeln, einer hat sogar ein Schleifchen im Vlies. Said, Monias Bruder, wird das Schächten übernehmen, er macht das schon seit vier Jahren. Ich mache ein Foto, Ifak, Monias Tochter mit Hammel, auch die Nachbarn bitten mich ihre Hammel mit den Kindern zu fotografieren. Said hat alles präpariert, prüft noch einmal die Messer.
 

... Said am Werk

So löst man das Fell

 

Mohamed greift sich den grösseren der beiden und schiebt ihn in die Terasse hinein. Tür zu, das ist jetzt erstmal nichts mehr für die kleineren Kinder. Said greift den Hammel an den Beinen und legt ihn auf den Boden. Das Tier ist ganz ruhig. Vorsichtig tastet er am Hals nach der Schlagader. Monias Mutter führt am Kopf des Tieres einen Weihrauchkessel vorbei, ein aromatischer Geruch verströmt im Raum. " Gegen die bösen Geister" erklärt mir Monia später. Alle treten etwas zurück, Said setzt das Messer an die Kehle des Tieres und durchtrennt mit einem schnellen Schnitt die Kehle , mit einem grossen Schwall ergiesst sich das Blut auf die Kacheln, das Tier bleibt jedoch ruhig am Boden liegen, nun ein paar Zuckungen der Läufe, nocheinmal pumpt das Herz einen Schwall auf den Boden, das Tier wird zunehmend ruhiger. Mit einem Bambusstock bohrt Said an den Läufen ein

Loch in den Balg und bläst mit dem Mund den Balg auf. So löst sich der Balg leichter vom Körper und lässt sich dann besser abtrennen.
 

Professionelles Zerlegen...

... will gelernt sein.

Schnell und routiniert hängen Said und Mohamed das Tier nun an eine Schlaufe im Torrahmen und lösen mit kurzen Schnitten den Balg vom Körper, die Frauen beseitigen nun mit Salz und viel Wasser die Blutlache vom Boden. Dann werden die vier Läufe und der Kopf abgetrennt. "Das beste für das Couscous" sagt Monia; sie brennt von diesen Teilen mit einem Gaskocher das Fell ab, Monias Mutter salzt nun das Vlies von innen stark ein und faltet es zusammen, es wird nachher gründlich gewaschen und in der Sonne getrocknet.

Said trennt nun mit schnellem Schnitt den Körper des Hammels auf und füllt die Innereien in eine grosse Schüssel, Monias Mutter sortiert aus, was noch weiter verwertet wird, übrig bleibt das, was zum Grillen gedacht ist.

In der Küche filettieren Kauther und Aida, Monias Schwestern nun den Torso. Mohamed und Said holen jetzt Nummer 2.
 
 
 

Die Frauen...


... immer bei der Arbeit

Draussen auf der Strasse weint ein kleiner Junge, seine Mutter tröstet ihn, zum ersten Mal hat er wohl bewusst das Opferfest mitbekommen...

Ich begleite Said noch zu drei Nachbarn, er wird immer routinierter, vom ersten Schnitt bis zum Ausnehmen noch ganze 12 Minuten. Die Nachbarn sind froh, ein gewerblicher Metzger lässt sich das mit umgerechnet 30 DM bezahlen. Said macht es als Freundschaftsdienst.

Zurück im Haus, Mohamed hat bereits die Grills angefeuert, die Frauen bringen die Filetstücke heran die Mohamed auf dem Grill jongliert, ab jetzt gibt es Fleisch in Hülle und Fülle. "Setz Dich und iss..." ordnet Mohamed an, Salz und Zitrone machen das nicht abgehangene Fleisch etwas bekömmlicher, mehr als ein Kilo geht aber beim besten Willen nicht, nebenan essen die Frauen, immer wieder kommt der Fleischteller und alle greifen zu... Wie bei uns, denk ich, zu Weihnachten muss man sich den Magen verderben, sonst wars nichts.

Ein grosser Teil des zweiten Hammels wird in der Sonne getrocknet und in einer Kräutermarinade eingelegt
 

Alles wird verwertet...

... und der Grill ist in Betrieb

Nun kehrt etwas Ruhe ein, Monias Mutter serviert ihren traditionellen Pfefferminztee, aber für die Frauen ist noch Arbeit angesagt, "Osben" ein traditionelles Gericht für den zweiten Aidtag muss noch vorbereitet werden,die Gedärme des Hammels werden gründlich ausgewaschen, sie dienen der Innereienwurst als Haut, zwischenzeitlich haben Aida und Kauther die Innereien sortiert und zerkleinert und mit einer Mischung aus feingehacktem Spinat und Petersilie, Harrissa und Knoblauch vermengt. Nun geht es an die Füllung der Därme, sensibele Arbeit. Mohamed ermutigt mich, den Damen zu helfen, ich stopfe so gut es geht, die leckere Füllung in den Darm, Monias Mutter lacht, Aida zeigt mir, wie es noch in den letzten Zipfel geht.

Im Hintergrund berichtet Canal 7, das arabische Programm des tunesischen Fernsehens, über das Ende der Haidsch, der Pilgerfahrt in Mekka. 9000 tunesische Pilger waren diesmal dabei. Impossante Aufnahmen der Kaaba und des Berges Arafat mit der symbolischen Steinigung des Teufels.

Noch einen Kaffee zum Abschluss, ein schönes Gefühl bei Freunden zu sein und ihre Kultur kennenzulernen, fremd? Nein, eigentlich nicht, denn vieles ist bei uns zu Weihnachten eigentlich auch so.

Morgen bin ich nochmal zum Osben eingeladen, mit Couscous. Ich freue mich schon.