Land und Leute: tunesische Impressionen
von Eckhard Marz


 

 Der Autor in Südtunesien


 


Lebess? Lebess, el Hamdulillah! Der wohl am häufigsten gehörte Dialog in Tunesien: man erkundigt sich nach dem Wohlbefinden des Gegenüber, und - el hamdulillah, Allah sei Dank - es geht ihm gut. Wer formvollendet höflich sein will, erkundigt sich nach alter Tradition auch weiter nach dem Wohlbefinden der Angehörigen - offensichtliches Zeichen für die Bedeutung der Familie. Wie lebt und arbeitet man in einem Land, das vielen Menschen nur als sonniges Urlaubsziel ein Begriff ist? Die Antwort ist vielschichtig. Bei den Partnern und Kollegen, mit denen ich es in der Ölindustrie zu tun hatte, gibt es in der Professionalität keine Unterschiede, wohl aber in der Kultur des Miteinander. Oft prallen dabei – meist nicht einmal bewußt – Welten aufeinander. Hier der aufgabenorientierte, "linear-aktive" Deutsche, dort der beziehungsorientierte, "multi-aktive" Orientale. Es ist dann immer schwierig, einer Hauptverwaltung fernab nahezubringen, warum selbst ein kleines Projekt klemmt und hakt, auch wenn es aus deren Sicht klare und eindeutige Vorgaben gibt. Denn der lokale Partner steuert nicht unmittelbar auf das zu Beginn gemeinsam verabredete Ziel hin, sondern er gestaltet den Weg dahin flexibel unter Nutzung (Inanspruchnahme) eines weitreichenden Beziehungsgeflechtes. Dabei nimmt er Zwischenschritte, und auch scheinbar Umwege in Kauf. Herrscht in Europa und Nordamerika eher eine sachliche und pragmatische Art vor, mit der sich das Meiste telephonisch abwickeln lässt, so wollen in Tunesien fast alle Angelegenheiten persönlich vorbereitet sein. Wenn Aktivitäten im Gelände anstehen, müssen die zuständigen Stellen von Ministerien, über den zuständigen Gouverneur bis zu lokalen Autoritäten informiert, um Zustimmung und, ebenfalls unerläßlich, persönlich um Unterstützung gebeten werden. Dann ist wesentlich, nicht direkt mit der Tür ins Haus zu fallen, vielmehr sich frühzeitig um Kontakte zu bemühen um die Zeit zu haben, einander kennen zu lernen. Und werden in geschäftlichen Dingen erst konträre Standpunkte eingenommen, so findet sich meist bald eine beide Seiten zufriedenstellende Lösung. Diese wird dann nicht als Kompromiss, sondern als Resultat der persönlichen Beziehungen verstanden. Nur scheinbar wird dieses Verhalten in Frage gestellt durch die Geschäftigkeit der Souvenirhändler in den Souks, den Märkten der größeren Städte oder der Touristenzentren. Dort wird häufig mehr Kitsch als Kunst lautstark und mit für uns ungewohntem Zerren und Drängen angeboten. Dann heißt es, abgeklärt und höflich zu bleiben, auch wenn’s schwerfällt. Alleine eine Bemerkung auf französisch mit arabischen Brocken, dieser Artikel sei in einem anderen Souk viel billiger, wirkt Wunder. Nicht nur, daß sich der Griff am Arm lockert, es beginnt auch ein angeregtes Gespräch: ob man in Tunesien lebe und wo, in welcher Branche man arbeite, ob es einem selber und - ganz wichtig - der Familie in Tunesien gefalle. Der Teppich ist für einen Moment Nebensache, zuerst wird ein Tee getrunken. Im Hinausgehen kommt dann das Gespräch noch einmal, anscheinend beiläufig, auf das Geschäft. Der Preis ist zwar schon drastisch gefallen, dabei sollte man es aber nicht bewenden lassen. Nicht zu feilschen, ist fast eine Kränkung. Handeln aber will gekonnt sein. Ich erinnere mich gut an eine lautstarke Szene im Souk von Tunis, als ich dachte, Händler und Kunde würden gleich handgreiflich, dabei handelte es sich lediglich um eine engagierte Diskussion. Trotzdem, auch als "Wahltunesier" zahlt man höhere, aber angemessenere Preise.

Eigentlich gibt es zwei Phasen, in denen gefragt wird, wie einem das Land gefällt und welche Beobachtungen man gemacht hat. Das erste Mal, wenn man gerade neu ist und eigentlich noch nicht viel sagen kann. Vielleicht außer, daß es schön ist, auch im November fast jeden Tag mit Sonnenschein aufzuwachen. Allerdings erfährt man auch am eigenen Leib, wie kalt die Wüste werden kann, wenn man vor Sonnenaufgang am Bohrgerät steht, eine Erfahrung die auch Scorpiontrophy Mitfahrer Sylvester 2000 machen konnten, nur daß mir der Sternenhimmel ziemlich schnuppe war . Und nach drei Jahren? Da wird die Antwort vielschichtiger, manchmal auch schwieriger, denn manche Dinge werden für uns immer schwer verständlich bleiben und selbst der Langmütigste wird manches Mal auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Sicherlich, die Sonne scheint nach wie vor und man wird beneidet von den Kollegen, die im verregneten Norddeutschland arbeiten und meinen, eigentlich hätte man ja sowieso nichts anderes zu tun, als am Strand zu braten. Da meine Frau mich aus beruflichen Gründen nicht nach Tunis begleiten konnte, hatte ich so, noch häufiger als andere Expats, die Gelegenheit, in das tunesische Alltagsleben einzutauchen. Sehr schnell fällt auf, daß das soziale Leben einen anderen Stellenwert hat als bei uns und der Umgang miteinander entsprechend anderen Regeln unterliegt. Dabei sei dahingestellt, worauf diese Kultur zurückzuführen ist, ob ethnisch, religiös oder alles gemeinsam vermischt mit einer mediterranen Nonchalance. Und, nicht zu vergessen, auch über 40 Jahre nach der Unabhängigkeit ist der französische Einfluß noch deutlich zu spüren. Und so wird die Frustration, zum wiederholten Mal wegen einer Lappalie Formulare ausfüllen und beglaubigen lassen zu müssen, mehr als aufgewogen durch ein Lächeln vollkommen fremder Menschen, die einem auf der Straße entgegenkommen. Und ist das tunesische Verkehrsverhalten, speziell in der Metropole, nur etwas für wirklich Hartgesottene, so werde ich ganz selbstverständlich zu mindestens einem Tee eingeladen (formvollendet wird dreimal aufgebrüht und eingeschenkt, also nichts für Eilige), wenn ich geholfen habe, einen alten Peugeot wieder flott zu machen, der irgendwo auf dem Land im Morast (ja, auch das gibt es reichlich in Tunesien, Ihr Wüstendurchquerer...) stecken geblieben ist. Die Hauptstadt Tunis äußert sich liberal und man wähnt sich nicht selten in Europa, während das übrige Tunesien wesentlich traditionsverhafteter ist. Die Ballungszentren des Pauschaltourismus wie Hammamet, Port el Kantaoui oder Djerba bilden dabei sicher eine atypische Erscheinung.

Ja, der Tourismus. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem tunesischen Freund. Wir saßen in einem Café vor dem römischen Theater in El Jem und ich fragte ihn angesichts der vorbeihastenden Touristenströme, schon von weitem zu erkennen an der für ein islamisches Land unpassenden Bekleidung, wie man denn im Land über diese Fremden dächte. Denn 1998 zählte das Land 4,7 Mio. Touristen, Tendenz steigend, bei knapp 9,5 Mio. Einwohnern. Er schaute mich an und begann aufzuzählen: "ursprünglich sind wir Berber, als erste Fremde kamen die Punier. Zu Beginn der nächsten Kolonisation wurde Karthago erst von den Römern zerstört, dann wieder aufgebaut. Danach holte man sich die Vandalen ins Land, die wiederum von den Byzantinern vertrieben wurden. Nun folgten die Araber, dann Rückkehrer aus Spanien. Tunesien wurde später gewaltsam dem osmanischen Reich angegliedert. Fehlt noch das französische Protektorat und die Kämpfe im 2. Weltkrieg bis dann zur Unabhängigkeit 1956. Da sind uns doch die Touristen viel lieber, denn die bringen wenigstens Geld ins Land..."

Kamelhirten im Sandsturm vor Ksar Guillane Foto: Stefan Löffel

Aber außer in den Orten an der Küste (dort stehen auch die meisten der fast 700 Touristenhotels) begegnet man Touristen meist nur busweise auf Besichtigungstouren der bekanntesten römischen Ausgrabungsstätten sowie am Rande der Wüste. Dabei bietet Tunesien auf kleiner Fläche – besonders verglichen mit seinen Nachbarn Libyen und Algerien - eine breite geographische und geschichtliche Vielfalt, die ich mit viel Neugierde und Begeisterung erfahren und erlebt habe. Und so behaupten meine tunesischen Freunde, wohl nicht ganz zu Unrecht, ich würde ihr Land besser kennen als sie selber. Für mich prägend waren die vielen offenen persönlichen Begegnungen und Erfahrungen - wie das Wiedersehen mit dem "patron" eines Pistencafés mitten in der Wüste: Lebess? Enti Lebess? Lebess, el Hamdulillah!
 
 

Eckhard Marz war in den letzten drei Jahren Leiter der Zweigstelle einer deutschen Firma in Tunis. Arabische Erfahrungen sammelte er bereits 1993 und 1994 in Libyen. Zur Teilnahme bei einer Scorpiontrophy Tour hat es leider niemals gereicht, dafür aber zu netten Freundschaften.