Hochzeit auf Jemenitisch

Von Felix Transfeld

Wenn Stefan " mal eben" spazieren fährt, so sagt Elke, sollte man besser schweres Equipment einpacken.
So fuhr man an einem freundlichen Sommerfreitag im August von Sana´a " mal eben" in den Wadi Dar spazieren und "führte" die Geländewagen aus. Ziel war der berühmte Hochzeitsfelsen.

Etwa 10 km nördlich der Stadt Sana´a liegt in einem begrünten Tal der Sommersitz der ehemaligen Ihmame des Jemens von dem bis zur Revolution 1962 das Land regiert wurde. Heute ist er einer der Hauptattraktionen für Touristen und natürlich auch für die einheimische Bevölkerung.

Schnell durchfahren wir die gut ausgebauten Ringstrassen von Sana´a und erreichen pflegeleicht auf Asphalt zunächst den Hochzeitsfelsen, eine Felsformation unmittelbar oberhalb des Wadis.

Hier kann man jeden Freitag ein Schauspiel ganz besonderer Art erleben und unmittelbar vor den Türen der Hauptstadt etwas von der innersten Seele des Jemens beobachten.

Wir kämpfen uns durch einen vollen Parkplatz der fast an ein Stadion in Deutschland während eines Bundesligaspiels erinnert. Schliesslich gelingt es uns doch, eine Stellfläche vor dem Felsvorsprung zu ergattern. Hunderte von Menschen, überwiegend Männer ziehen in Gruppen aber auch einzeln an uns vorbei, fröhlich, ausgelassen und lachend. Das ist nichts Besonderes. Auffallend ist lediglich das "Gepäck": Kalaschnikows, Makarows, G3 und M16 Sturmgewehre, fast jeder Mann hat etwas geschultert und vereinzelt werden Freudenschüsse, steil in die Luft, abgefeuert.
 
 

Anlass ist für jede Gruppe eine Hochzeit am Vortag, munter feiern die Männergruppen ausgelassen das Fest und drücken ihre Freude mit einem ausgiebigen Feuerwerk am Felsen aus. Das Ganze hat System und so etablieren sich auch Eis- und Munitionsverkäufer , um dieses Fest logistisch sicherzustellen. Wenige Frauen wohnen verschleiert diesem Spektakel bei, es ist ein Fest der Männer, die Bräute bleiben zu Hause. Stolz schwingen Männer beim Dschambiatanz ihre Krummdolche, während einige Meter abseits am Felsrand andere Zielübungen in die Schlucht machen. "Do you want , too?" fragt mich ein freundlicher Jemenite, hält mir sein russisches Sturmgewehr hin. Ich lehne dankend ab, bitte ihn aber um ein Foto. Eine Gruppe hat nun genug gefeiert und zieht mit dem bunt geschmückten Bräutigam wieder ab. Stolz trägt er das lange goldene Schwert auf der Schulter, das Erkennungszeichen des Bräutigams.

Eine neue Gruppe kommt, einer der Begleiter feuert sein Freudenfeuer etwas flacher ab. Entsetzt reist ihm sein Nachbar die Kalaschnikow weg und beschimpft ihn mit wüsten Worten. Die Schlucht widerhallt vom Knattern und Knallen der Gewehrsalven. Elke und Sonja reizt es auch zum Schiessen, beim nächstenmal?

Gegen 12 Uhr wird es ruhiger, die meisten Gruppen haben den Felsen verlassen. Auch uns treibt es weiter, ins Tal zum Sommersitz der Ihmame.Hier ist es ruhiger. An der Kasse werden alle Besucher auf Waffen abgetastet, was einen Kilometer weiter oben geduldet wird,  ist hier in der Anlage verboten: das Freudenfeuerwerk.

Wir ersteigen die alte Anlage, ein fünfstöckiges, klassisch jemenitisches Hochhaus inmitten einer schönen Gartenanlage. Prunkvoll von Aussen, schlicht von Innen, enge Treppen, einfache Küchen mit Minimalausstattung, "Kühlschränke" in der Wand, die lediglich durch Windbelüftung gut kühlhalten, einfache Ruhe- und Versammlungsräume, verwinkelte Fluchtwege ein tiefer Brunnen, der sich durch das ganze Gebäude durchzieht,verschlossene Frauengemächer.

Beeindruckt von der Imposanz und Schlichtheit des Gebäudes zugleich verlassen wir den Sommersitz , um zurück nach Sana´a zu fahren. Über eine Nebenstrecke wollen wir nach Norden und dann die Überraschung:

Der Weg, wie viele andere auch durch die Regenzeit maltraitiert, hat sich in eine tiefe Suhle verwandelt. Zunächst finden wir noch oberhalb einen Pfad und schlängeln uns durch. Nach wenigen Metern endet dieser Pfad aber auch zwischen Hauswand und Baumgruppe, die Suhle liegt nun eineinhalb Meter rechts unter uns und in dieser steckt ein jemenitischer Offroadkamerad mit seinem Daihatsu fest. Zunächst balancieren wir Stefans Wagen den Abgrund hinunter, Milimeterarbeit mit Einweiser, um ja nicht in einem kleinen Stichgraben hängenzubleiben. Dann wird der Daihatsu freigezogen.

Währendessen buddeln viele fleissige Hände den Abhang flacher, damit nun auch der Sandbär runterkommt. Der kommt auch, geschoben von vielen engagierten Helfern und kippt fast um, nur durch Schreien kann ich die gutgemeinte Hilfe abblocken. Schliesslich stehen wir alle in der Suhle und richten uns auf "Tauchfahrt" ein. Mit hohem Schwall, trotz langsamer Fahrt überwinden wir auch dieses. Unerwartetes Offroadabenteuer auf einer kulturell ausgerichteten Fahrt!
Also doch besser auf Elke hören und auch beim Brötchen holen den Bergegurt mitnehmen.