Der Autor:
Jörg Meissner, geboren 1963 in Leipzig  , gelernter Bautechniker, lebt seit Sommer 2000 im Jemen und arbeitet als Schriftsteller. Neben Kinderliteratur schreibt er Bücher, die versuchen , gesellschaftliche Wertvorstellungen unserer Zeit aufzuarbeiten. Die Idee zum Essay "Adi auf Sokrota" kam Jörg Meissner während einer Sokrotareise im Februar 2002.

Die Story:
Adi, der typisch deutsche und auch welterfahrene Pauschaltourist, der ganz plötzlich und unerwartet als "Abenteurer" auf einer Kegeltour mit einer ganz anderen Kultur konfrontiert wird und spontan seine Erlebnisse und Wertvorstellungen am Biertisch äußert : "Weltmännischer Weitblick", Unverständnis, Vorurteile und Intoleranz des Verwaltungsangestellten  geben nur im ersten Ansatz Grund zum Lächeln. Zurück bleibt beim Leser eine tiefe Betroffenheit: Kann durch solche Reisende die Welt zusammenwachsen?
 
 

Adi auf Sokotra

Jörg Meissner
 
 










Alfons, mach doch mal zwei Bier und zwei Korn für mich und den Herrn hier. Das ist ja hochinteressant, was Sie da erzählen. Mein lieber Mann, da sind Sie ja ganz schön herumgekommen in der Welt. Das kostet eine Stange Geld, Sie brauchen mir nichts zu erzählen. Ich kenne mich da aus.

Wissen Sie, ich habe mit dem Reisen auch meine Erfahrung.

Ibiza, Kuba, die Dominikanische Republik, Kenia und Mallorka. Ich sage immer, man muss was von der Welt sehen, andere Kulturen kennenlernen, wach bleiben, verstehen Sie?

Ich bin in dieser Hinsicht ja sehr tolerant. Der Neger ist auch ein Mensch, sage ich immer. Irgendwie ist es doch eine Welt, auf der wir alle leben. Verständnis ist wichtig, Toleranz und sanfte Führung.

Da muss ich Ihnen von einem ganz besonderen Trip erzählen. Aber erst mal Prösterchen. Auf uns alte Globetrotter!

Also, der ganze Stress hat bei uns in der Verwaltung begonnen. Wissen Sie, unsere Abteilung geht gern kegeln. Die Teams bestehen aus fünf Leuten pro Referat. Ein Mal in der Woche treffen wir uns zum Wettkampf. Jeder Spieler zahlt pro Einsatz einen Zehner in die Kasse. Wir sind vier Teams, und nach einem Jahr werden die Sieger mit einer Reise geehrt. Klar, die Chancen stehen eins zu vier. Aber ich sage immer, wer nichts wagt, gewinnt auch nichts.

Mein Team ist Spitze. Vorletztes Jahr waren wir gemeinsam auf Kuba. Zwei Wochen mit allem Drum und Dran für knapp über tausend Euro. Da haben wir schön die Sau rausgelassen. Ich sage Ihnen, als Deutscher sind Sie der King dort. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls haben wir uns in den Jahren unserer Kegelei immer wohl gefühlt. Es gab bisher nie Ärger oder Stress mit den Reisen.

Aber in diesem Jahr hat sich unser neuer stellvertretender Abteilungsleiter die Preisvergabe unter den Nagel gerissen. Da kann man nichts sagen. Sie verstehen, Chef ist Chef.

Der Mann hat einen seltsamen Sinn für Humor. Stellen Sie sich folgendes vor. Holt der Kerl doch bei der feierlichen Siegerehrung fünf Flugtickets aus der Tasche und freut sich wie ein Schneekönig.

Glauben Sie mir, wir wussten nicht, ob wir vor Trauer weinen oder vor Verzweiflung lachen sollten. Wir dachten zuerst, schön Ibiza, Ferienhaus in Schweden, Kanaren. Aber dann kam der Schock.

Sokotra! Wir wussten gar nicht, wo das liegt. Aber der neue stellvertretende Abteilungsleiter hat es uns erklärt.

Eike ist gleich die Farbe aus dem Gesicht gewichen. Das muss man sich mal vorstellen, Arabien! Man kennt ja die Typen da unten mit ihren langen Bärten. Jeder Mann dort hat ein Messer im Wallemantel stecken, ein Gewehr über der Schulter hängen und immer so ein wahnsinniges, islamistisches Blitzen in den Augen.

Als wir einen Blick auf das Logo der Fluggesellschaft warfen, gelang es uns nur noch unter größter Mühe, unser überrascht-freudiges Gesicht vor dem stellvertretenden Abteilungsleiter beizubehalten.

Gernot ist ziemlich weiß im Gesicht geworden und Helene hat sich erst mal einen dreistöckigen Rum bestellt.

Aber ablehnen konnten wir die Reise nicht. Wir hätten als Feiglinge dagestanden. Adi, habe ich mir gesagt, da musst du jetzt durch. Wissen Sie, man hat ja viel über diese Region gelesen. All diese Gewalt, die Armut, ständige Entführungen, Malaria und Vergiftungen alle Tage.

Die Leute dort praktizieren ja noch Blutrache. Sie brauchen nur mal einen Araber schräg von der Seite ansehen und haben schon den Lauf der Kalaschnikow an der Schläfe.

Gut, dachten wir, bei einer organisierten Reise hält sich das Risiko in Grenzen. Aber dann kam noch der absolute Hammer.

Der stellvertretende Abteilungsleiter hat gar keine richtige Reise gebucht. Dafür reichte das Geld nicht. Wir hatten nur die Flüge.

Frau Siebert-Ringstein hat richtig gezittert. Der spinnt, hat sie mir zugeflüstert. Ich muss sagen, da hatte sie Recht. Arabien ist doch eine ganz andere Welt. Ohne Reiseleiter, ohne gebuchte Hotels, ohne Organisation und klare Verhältnisse in so eine Region zu fahren ist der absolute Wahnsinn.

Ich sage Ihnen, unser neuer stellvertretender Abteilungsleiter ist wahnsinnig. Aber der wird schon sehen, was er davon hat. Wir haben Zeit und Ideen. Auf die Dauer wird der bei uns nicht froh.

Dabei hätten wir uns für das Geld mindestens zwei Wochen bei "all inclusive" in Kenia entspannen können. Sonne, Meer und nette Leute, gutes Essen, Abende an der Bar und keine Belästigungen durch den Pöbel, der immer nur die Hand aufhält und jammert.

Ich rede mich in Wut. Aber sagen Sie mal ehrlich. Geht man so mit Mitarbeitern um? Wirft man das schwer verdiente Geld der Kollegen einfach so zum Fenster heraus? Das ist doch unverantwortlich.

Im Urlaub möchte ich mich erholen. Meinen Urlaub habe ich mir verdient. Ich brauche keinen Stress.

Dieses seltsame Gerede von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, von Freiheit und Individualität können Sie vergessen. Ich will Ruhe, verstehen Sie? Die Arbeit in der Verwaltung ist hart. Für mich bedeutet Urlaub Entspannung und Reaktivierung meiner Kräfte. Diese sogenannten Individualreisen sind eine unlogische Abfolge von Problemen. Der sogenannte Erholungseffekt besteht darin, die Ärgernisse zu überwinden.

Aber lassen wir das. Eike hat gesagt, dass wir diese Reise durchziehen, keine schwache Seite zeigen sollten. Es hat sich auch keiner getraut, nein zu sagen.

Dabei hätten wir schon beim Namen zurückschrecken müssen. Sokotra, lassen Sie sich den Namen mal auf der Zunge zergehen. Das klingt doch nach einem gefährlichen Vogel mit spitzem Schnabel, nach einer schillernd bunten, giftigen Eidechse, die hinter einem moderigen Stein hervorschnellt, um Ihnen die Widerhakenzähne ins Fleisch zu schlagen. Sokotra könnte der Name eines räuberischen Beduinen sein.

Wissen Sie, von einem Namen lässt sich viel ableiten.

Nehmen wir mal Mallorka. Das klingt gemütlich, ein wenig nach dicker, tröstender Frau, russischem Tabak und Tanzgruppe.

Sehen Sie mal her. Ich habe die Namen der beiden Inseln hier auf den Bierdeckel geschrieben. Der kleinliche Weltbewegte wird sich spätestens jetzt an meiner Schreibweise ereifern. Aber ich schreibe bewußt Mallorka. Ebenso schreibe ich Sokotra, weil es meiner deutschen Aussprache entspricht. Ob andere Leute nun Soqotra, Suqutra, Soquotra, Socotra oder Sorquaotra schreiben, interessiert mich nicht. Es verwirrt nur, verhunzt die deutsche Sprache.

Schließlich heißt Mallorka ja auch nicht Mallorca oder Mallorqua.

Bitte? Sind Sie sicher? Sie wollen meine Reiseerfahrungen hören?

Ich sage Ihnen eines. Ich bin glücklich, wieder daheim zu sein.

Sokotra ist eine einzige Enttäuschung. Die Burschen dort sollten sich ein wenig am Spanier orientieren, mal was auf die Beine stellen. Nehmen wir als Beispiel Mallorka. Dort kann ich so herrlich alle Fünfe gerade sein lassen. Ich buche immer Halbpension. Zum Frühstück esse ich ordentlich, das reicht bis zum Abendbrot. Die Pools sind sauber, überall tanzt das Nashorn, steppt der Bär, tobt der Hammer. Man kann neue, interessante Leute kennen lernen, die Straßen sind korrekt asphaltiert, es gibt Freizeitprogramme, Animationen und gutes deutsches Essen. In den Kneipen habe ich mein deutsches Bier und höre meine deutsche Musik.

Wenn ich Glück habe, treffe ich auch mal einen Prominenten.

Im Vergleich zu Mallorka herrscht auf Sokotra die absolute Flaute. Nicht eine einzige Strandbar! Weder Fernsehen noch Animation. Die Brüder dort wollen einen auch nicht verstehen. Angeblich spricht dort niemand deutsch.

Kein Wunder, wenn der Tourist ausbleibt. Überhaupt liegt die Insel furchtbar ungünstig, ist ziemlich weit von Deutschland entfernt.

Aber mit ein wenig Organisationstalent könnte man den Nachteil abschwächen, Charterflüge organisieren. Aber denken Sie nicht, dass die Brüder dort so etwas auf die Beine stellen können.

Ich erlaube mir einen Vergleich. In Berlin setze ich mich schön in den Flieger, ruhe zwei Stunden und steige auf Mallorka wieder aus. Dort wartet schon der Bus, und ich bin zackbutze im Hotel. Die Woche mit Flug kostet mich vielleicht fünfhundert Euro, Halbpension versteht sich.

Da kann der Araber mit seiner Geisterinsel nicht mithalten. Für den Gegenwert einer Woche Mallorka bekomme ich lediglich den Hinflug, wobei man von Flug kaum sprechen kann.

Zuerst sind wir nach Frankfurt gefahren, warteten auf dem Flughafen wie bestellt und nicht abgeholt. Irgendwann hat so ein Schalter aufgemacht, ganz gemütlich. Die hatten vielleicht die Ruhe weg, sage ich Ihnen. Wir sind dann rüber in den Transitraum. Gernot dachte, die haben da einen Trauerfall. Frauen, von unten bis oben in schwarzes Tuch gehüllt. Nur die Augen guckten da raus. Die sahen aus wie Totenvögel. Da bekommen Sie Angst, das können Sie mir glauben. Der Spaß ging aber noch weiter. Kaum saßen wir im Flugzeug und wollten auf den Schrecken einen nehmen, da bekamen wir eine Abfuhr. Die Brüder führen keinen Alkohol an Bord. Ich meine, wer den Ausländer fliegt, der muss sich auch auf die Bedürfnisse einstellen. Aber so sind diese Herrschaften. Einerseits versuchen sie, uns unter ihre religiöse Fuchtel zu bringen, andererseits ziehen sie den Touristen unverschämt ab. Den Service an Bord können Sie vergessen. Zum Glück hatte Helene einen Flachmann dabei. Den schütteten wir in die Cola. Da haben die Brüder vielleicht gestaunt.

Irgendwann sind wir schließlich in der Hauptstadt angekommen. Aber glauben Sie nicht, dass dort ein Anschlussflug organisiert war. Was meinen Sie, wie lange es gedauert hat, bis wir auf dem sogenannten internationalen Flughafen jemanden trafen, der uns eine Auskunft gab. Ein Haufen Bewaffneter stand dort herum. Wir haben geglaubt, im Land herrschte der Ausnahmezustand. Alle liefen mit mit unduldsamen Gesichtern umher. Einer tat wichtiger als der andere, aber niemand sprach auch nur einen Brocken deutsch.

So etwas kann man einem Touristen eigentlich nicht anbieten. Wir waren ziemlich sauer. Eike hat innerlich gekocht.

Zum Glück haben die uns nicht gefilzt. Jeder aus unserer Reisegruppe hat seine fünf Flaschen Schnaps durch die Kontrollen bekommen. Ja, auch den Alkohol mussten wir mitbringen. Bei denen gibt es nicht mal ein Bier. Die saufen aber heimlich, das können Sie mir glauben.

Wir hatten über einen Tag Aufenthalt. Gut, haben wir uns gesagt, gehen wir ins Flughafenhotel. Aber so etwas hatten sie nicht. Der ganze Laden sieht aus wie eine verfallene Markthalle.

Na, jedenfalls konnten wir uns einen Weg  nach draußen bahnen. Die Leute haben sich regelrecht an unser Gepäck geklammert, wollten Geld für das Tragen.

Dann die Schreierei vor dem Flughafen!

Im Nu waren wir von halbseidenen Typen eingekreist, die immer nur Taxi geschrien haben. Wir haben uns in eines der dreckigen Autos gedrängt und schnell die Türen zugemacht. Der Chauffeur hat ganz freundlich getan, aber Gernot hat mir gesagt, dass er den Arg in seinem Blick gesehen hat. Man muss sich mal vorstellen, dass der Kerl volle fünf Dollar für die Fahrt mit seinem Schrottkarren genommen hat. Dabei sind es bis zum Sheraton nicht einmal zwanzig Kilometer.

Was? Natürlich haben Sie recht. Bei uns zahlen Sie das Vierfache. Aber Sie müssen beachten, dass man  da nur fünfzig Dollar im Monat verdient. Da sind fünf Dollar kein Pappenstiel. Jedenfalls sind wir durch die trockene, staubige Stadt gefahren. Straßen voller Schlaglöcher, an jeder Kreuzung drei Bewaffnete, heruntergekommene Häuser und Bettler. Die Straßen waren voll von den Typen in ihren Nachthemden. Jeder hat vorn in einem Gürtel so ein krummes Schwert stecken gehabt, und die Frauen sahen in ihren schwarzen Säcken aus wie böse Raben. Frau Siebert-Ringstein meinte, dass sie genug gesehen hat. Helene hielt auf der Fahrt die Augen geschlossen, damit sie das ganze Elend nicht ansehen musste. Da haben wir beschlossen, während unseres Aufenthaltes im Hotel zu bleiben.

Wir haben uns am Pool entspannt, an der Bar gesessen, einfach mal relaxt. Die Burschen dort nehmen deutsche Preise. Aber denken Sie nicht, dass Sie dort auch deutschen Service bekommen. Das Essen ist furchtbar, die Zimmer wirken ziemlich schmuddelig. Alle paar Stunden gellen leistungsstarke Lautsprecher von den Minaretten der Stadt. Mit eifernder Stimme keifen irgendwelche Pfarrer die Menschen mit Hetzreden zu. Da bekommen Sie richtig Angst, glauben Sie mir.

Einige Einheimische wollten sich uns als Führer anbieten. Angeblich soll die Altstadt  ja ganz toll sein. Wir hätten auch Ausflüge in die Umgebung machen können, Paläste bewundern, alte Dörfer ansehen. Aber das haben wir abgelehnt. Man kann ja nichts anfassen, ohne sich mit Bakterien zu infizieren. Und wenn so eine Horde schreiender Fanatiker auf eine Reisegruppe losgeht, da ist der Führer verschwunden.

Wir haben das Risiko begrenzt. Sagen Sie selbst, soll man sich in Gefahr begeben, um Elend zu sehen?

Schließlich sind wir zurück zum Flugplatz gefahren. Man hat uns gesagt, die Maschine geht acht Uhr. Die Burschen in dem seltsamen Land haben nicht mal einen Flugplan, auf den man sich verlassen kann. Mal fliegt etwas, mal nicht. Und wenn etwas fliegt, gibt es nichts zu lachen.

Wir betraten also den Flugplatz und fielen vor Entsetzen fast um.

In der Halle befanden sich nur Wahnsinnige. Sie drängelten, schubsten, es gab keine Ordnung. Und was die an Gepäck aufgaben, konnten wir nicht glauben. Da drückten sich Autoreifen neben Matratzen, riesige Kartons rieben sich an Möbeln. Verschnürte Pakete fielen auf alte Säcke. Jeder machte, was er wollte.

Gernot war froh, dass wir unsere Hartschalenkoffer dabei hatten. Die Araber hätten uns wahrscheinlich das ganze Gepäck zerdrückt.

Glauben Sie mir, bei guter Organisation darf so eine Abfertigung nicht länger als zehn Minuten dauern. Wir brauchten volle zwei Stunden. Irgendwann erhielten wir schließlich unsere Bordkarten und sind, ziemlich fertig mit den Nerven, hinüber in den Transitraum gegangen.

Gepäckkontrollen? Reden wir nicht davon. Wenn die Leute durch den Piepgang eilen und der Metalldetektor aufjault, interessiert das niemanden. Ach, ruft einer der unzähligen Militärs. Das ist doch der Achmed aus meinem Stamm, der ist in Ordnung.

Stellen Sie sich das in Deutschland vor. Fakt ist, bei diesem Verhalten würden alle Passagiere wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses eine Anzeige bekommen. Das gesamte Flughafenpersonal fände sich auf dem Arbeitsamt wieder, wäre aber sicher nicht vermittelbar.

Ja, entschuldigen Sie meine Offenheit, das sind die Fakten.

Irgendwann haben wir es geschafft, saßen schwitzend im sogenannten Transitraum. Dieser Aufenthalt in dieser Hauptstadt hat uns körperlich ziemlich mitgenommen. Unsere Reizbarkeit überstieg das erträgliche Maß.

Zu allem Unglück hatten Eike, Frau Siebert-Ringstein und Gernot auch noch ziemlich üble Verdauungsschwierigkeiten.

Man kann in diesem Land nur die eingeschweißten Kekse essen. Jetzt stellen Sie sich mal vor, Sie sitzen da in dem Raum mit den ganzen Arabern und haben Druck auf dem Kessel. Statt der Toiletten gibt es nur Löcher im Boden. Das spritzt, sage ich Ihnen.

Wir saßen also niedergeschlagen auf den Plastikstühlen und warteten. Natürlich hatte der Flieger Verspätung, weil eine Maschine kaputt war. Aber anstelle einer ordentlichen Ansage kommt so ein Angestellter und entschuldigt sich persönlich bei allen Passagieren für die Verspätung. Wir durften hoch in das Restaurant. Aber kaum saßen wir beim Essen, erschien wieder jemand, entschuldigte sich und sagte, dass man jetzt abfliegen könne und nur noch auf uns wartet.

Da mussten wir beinahe lachen. Aber so funktioniert dort die Organisation. Keiner weiß, was der andere macht.

Wir hauten uns also den matschigen Bohnenpamps hinter, eilten durch die Kontrollen auf das Rollfeld zu einer alten Boeing.

Die Maschine war schon voll, als wir über so eine schmale Treppe einstiegen. Nun können die meisten Araber nicht lesen. Jeder setzt sich dahin, wo er will. Aber wir haben keinen Stress gemacht.

Sie kennen ja diese heißblütigen Südländer. Wenn man da was falsches sagt, hat man gleich ein Messer am Hals. Jetzt stellen Sie sich mal folgendes vor. Diese Leute sind zwar nicht in der Lage, ihre Bordkarten zu lesen, aber eines können sie, nämlich telefonieren. Überall bimmelten die Handys, lustig wurde drauflos gequatscht. Da wird Ihnen anders, das kann ich Ihnen sagen. In Deutschland hätte man die Leute sofort verhaftet. Sie wissen doch, Handybenutzung ist verboten. Aber der Araber schert sich nicht um das Leben anderer Leute. Das nenne ich Intoleranz, Nichtachtung des Andersdenkenden. Nach dem ganzen Einstiegsprozedere sind wir geflogen. Die Boeing, eine Kiste von über dreißig Jahren, hat geschüttelt, es war ein Grauen.

Schön, habe ich gedacht, als wir über den Bergen waren. In einer guten Stunde sind wir am Ziel. Raus auf den Ozean, die vierhundert Kilometer rüber nach Sokotra und erst mal ins Hotel.

Aber denken Sie nicht, dass die Zitterpartie so schnell zum Ende kam. Die Maschine musste auch noch eine Zwischenlandung in so einem abgelegenen Hafenkaff  hinlegen. Also, wie der Flieger sich in die Kurve legte, mein lieber Herr Gesangsverein, da wird Ihnen anders.

Die Piloten sagt man, seien gut. Es ist auch schwierig, so einen Vogel zwischen den Bergen hoch und runter zu bringen. Das können Sie mit unseren Linienflügen nicht vergleichen.

Um mich abzulenken, habe ich auf dem Flug ein wenig mit Gernot über Sokotra gefachsimpelt. Wir sind ja an der Welt interessiert, kennen uns auf den unterschiedlichsten Gebieten sehr gut aus.

Ich habe also meinen Reiseführer aus der Tasche geholt und Gernot vorgelesen.

Irgendwann, vor etwa sechzig Millionen Jahren, hat sich ja Afrika von Arabien getrennt. Da haben ein paar Schwarze nicht aufgepasst, sind einfach auf der plötzlich entstehenden Insel geblieben. Deshalb sahen viele der Burschen im Flugzeug auch mehr nach Afrikaner anstatt nach Araber aus.

Kleiner Scherz, haha. Jetzt habe ich Sie kalt erwischt, was?

Vor sechzig Millionen Jahren gab es noch gar keine Menschen.

Ja, ich führe die Leute manchmal hinters Licht.

Jedenfalls liegt Sokotra zwischen dem Jemen und Somalia. Ich habe mir das auf einem Globus von Afrika angesehen. Die Lage der Insel ist Klasse. Wenn man hier einen Stützpunkt baut, kann man halb Afrika und Arabien befrieden. Natürlich können das nur Leute, die was auf dem Kasten haben, die unsere Welt voran treiben.

1505 sind die Portugiesen auf Sokotra angekommen, von 1835 bis 1967 hatte der Engländer die Insel im Griff. Protektorat Aden hieß das Gebiet.

Von den Russen, die bis zum Ende der achtziger Jahre auf der Insel nach dem Rechten schauten, stehen noch Berge von Panzern herum. Seit den neunziger Jahren lassen die Jemeniten keine fremden Militärs mehr auf das Gebiet. Dabei könnten sie einen Haufen Geld machen, wenn sie sich in dieser Hinsicht dem Amerikaner ein wenig unterordnen würden.

Noch besser als ein Amistützpunkt wäre natürlich der Ausbau zur Touristeninsel. Ich habe nur fünf Minuten darüber nachgedacht. Im Nu hatte ich wirklich gute Ideen, klare Konzepte, verstehen Sie?

Irgendwann sahen wir die Insel von oben. Auf mich wirkte sie wie ein sanfter, müder Riese, der sich zur Ruhe in das Meer gelegt hat.

Der Pilot flog eine wilde Kurve und steuerte auf den Flughafen Mori zu.

Heilfroh war ich, als wir endlich aufsetzten.

Naja, so eine alte Boeing 737 ist eben kein Mercedes, haha.

Schweißnass vor Angst, aber glücklich sah ich hinüber zum sogenannten Terminal. Ich dachte, da läuft ein schlechter Film. Sie können sich nicht vorstellen, was draußen abging.

Da haben die Eingeborenen so ein, zwei Gebäude hingestellt. Aber die sind nicht etwa fertig. Der Araber fängt alles an, bringt aber nichts zum Ende. Wenn man den Jungs nicht sagt wo es lang geht, machen die einfach nichts. Auf diesem Flughafen gab es weder einen Tower, noch ein Abfertigungsgebäude. Eine Start- und Landebahn, unglaublich viele Soldaten und hunderte, wild gestikulierender Menschen bilden diesen sogenannten Airport. Sie finden keinen organisierten Ablauf, der einem europäischen Flughafenbetrieb entsprechen würde.

Wir nahmen also unser Handgepäck und warteten, bis sich die ganzen Araber an uns vorbei gedrängelt hatten.

Anschließend stiegen wir aus. Vor den Flugzeug stand kein Bus, niemand kümmerte sich um uns.

Die Soldaten drängelten die Menschen zurück und verhinderten, dass die vielen Jeeps am Rande des Flugfeldes zur Maschine fuhren.

Was sollten wir nun tun? Ein Zurück gab es nicht mehr. Also gingen wir zu den Leuten, stellten uns dazu und warteten, was passiert.

Zuerst kamen ein paar Ziegen, liefen zum Flugzeug, sahen sich um und verschwanden wieder. Anschließend mühten sich ein paar Männer beim Öffnen der Ladeklappe. Sie zerrten das Gepäck aus der Maschine, stapelten es auf dem staubigen Beton.

Was dann passierte, gibt es in keinem Märchenbuch.

Da fuhr doch so ein altes Auto mit wild schlenkernden Hängern zum Flugzeug. Ich dachte, ich sehe nicht richtig. Ohne Rücksicht schmissen die Burschen das Gepäck auf die Hänger. Natürlich fiel die Hälfte wieder runter. Anschließend steuerte der Autofahrer sein Gefährt in das Volk. Sofort sprangen hunderte Leute auf, rissen das Zeug herunter. Da hatten wir gar keine Chance, an die eigenen Klamotten zu kommen, sage ich Ihnen. Völlig unzivilisiert, wie die Tiere, denen man das Futter hinstellt, meinte Eike empört.

Einige aus unserer kleinen Reisegruppe waren den Tränen sehr nahe. Meinen Sie, da kommt ein Polizist und hilft Ihnen? Vergessen Sie es. Aber wir hatten Glück. Stellen Sie sich vor, es wurde tatsächlich nichts geklaut. Unberührt stand unser Gepäck da. Auch der mitgebrachte Alkohol ist heil geblieben. Wir waren glücklich.

Aber dann überfiel uns die Mafia. Es gab niemanden, der für unter zwanzig Dollar zum Hotel fahren wollte. Sollten wir laufen? In Deutschland hätten wir uns das nicht gefallen lassen. Das sind illegale Preisabsprachen! So etwas nennt man Kartellbildung.
 
 






In diesem Moment bedauerten wir, dass uns kein Reiseveranstalter betreute. Der hätte sich frisch machen können. Mit Prozessen hätten wir ihn überzogen, das können Sie glauben.

Letztendlich haben wir uns einen Eingeborenen ausgesucht, der einigermaßen vertrauenerweckend aussah. Der Mann hat versprochen, sich Mühe beim fahren zu geben. Sein Jeep sah, bis auf die abgefahrenen Reifen, noch ganz vernünftig aus.

Klar, sagte ich zu Frau Siebert-Ringstein, verständlich ist so ein Fahrpreis schon. Wer von uns Leuten aus der ersten, entwickelten Welt unternimmt schon eine Reise nach Sokotra?

Sie müssen wissen, dass hier eine ganze Familie von zwanzig Dollar locker zwei Wochen leben kann. Diese Familien sind groß, mindestens zehn Personen. Aber sagen Sie mal ehrlich. Kann ich dafür, dass keine Touristen kommen? Da sind die Araber doch selbst schuld. Die sollen versuchen, sich was aufzubauen, so wie wir. Von nichts kommt nichts.

Als wir vom Flughafen aus in das Hotel gefahren sind, habe ich mich umgesehen. Ein herrliches, azurblaues, klares Meer, sage ich Ihnen. Die Burschen haben, sicher mit ausländischer Hilfe, eine Asphaltstraße gezogen. Das ist der erste Schritt in die Zukunft, dachte ich. Aber dabei darf es nicht bleiben. Hier könnte man Hotels hinstellen, so richtig schön mit eigenen Stränden, Pool und Sonnenterrassen. Das bringt Arbeitsplätze, Aufschwung, Geld in die Kassen.

Aber wir haben kein Hotel gesehen. Hütten aus aufgeschnittenen Benzinfässern, karge Unterkünfte aus Feldsteinen, mehr nicht.

Die ganze schöne Natur, die herrlichen Felsen aus rotem und schwarzem, weißem und grauem Stein stehen völlig ungenutzt auf Sokotra herum. Frau Siebert-Ringstein hat ein paar Vorschläge gemacht. Man könnte Wanderwege anlegen, hier und dort ein Lokal etablieren, vielleicht eine Uferpromenade mit kleinen Läden errichten.

Da hat sie mir aus der Seele gesprochen, das wäre was. Statt dessen brutzeln aber nur ein paar alte Panzer am Ufer.

Nach einer halben Stunde erreichten wir Al Hadibu, den Hauptort der Insel. Da standen ein paar Hütten, eine Art Markt, sonst nichts. Die Dinger, die dort Hotels genannt werden, würden in Deutschland nicht einmal als Asylbewerberunterkünfte durchgehen.

Kaum betraten wir das sogenannte "Frühlingsparadies", stürzten sich auch schon die Angestellten auf uns. Stellen Sie sich vor, um fünf Gäste wieselten zehn Diener herum. Das kann nichts werden, sagte ich zu Eike. So arbeitet man nicht effizient.

Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede. Schließlich bin ich Verwaltungsangestellter, da kenne ich mich mit Organisation aus.

In aller Ruhe haben wir den ganzen Laden untersucht, auch mal in die Ecken geschaut. Eines muss ich sagen. Die Zimmer, die Flure, die Küche, alles pikobello sauber. Wahrscheinlich hat der Chef eine ordentliche Gastronomieschule in Deutschland besucht.

Gut, haben wir gesagt, zahlen wir den Preis. Etwas besseres hätten wir auch nicht finden können. Wir dachten, mit unseren zehn Dollar pro Mann einschließlich Frühstück leisten wir eine Art solidarischen Beitrag. Andererseits wollten wir für unser gutes Geld aber auch ein wenig Leistung sehen. Da reicht es nicht, wenn nur zwei Betten und ein Nachtschrank im Zimmer stehen. Da erwartet man wenigstens ein eigenes Bad. Gut, ich will nicht meckern, vier Duschen und vier Klos für acht Zimmer sind schon in Ordnung. Schließlich sind wir ja als Globetrotter nicht verwöhnt. Genug nun vom Hotel.

Nach unserer Ankunft haben wir uns erst einmal zu dem üblichen Workshop verabredet. Wir dachten daran, gemeinsam unsere Vorstellungen von den Tagesabläufen abzustimmen. Also haben wir uns im gastronomischen Bereich des Hotels getroffen. Mit ganz einfachen Mitteln haben die Leute dort etwas wirklich bedarfsgerechtes hingestellt. Man kann schön draußen sitzen und niemand sieht einen. Aus Bambus oder solchem Zeug haben sie eine überdachte Terrasse gebaut, richtig mit geflochtenen Wänden. Da wird man als Gast nicht so vom Volk angestarrt und bleibt auch von den Bettlern verschont. Und Sie kennen ja die Araber. Weil sie ihre eigenen Frauen in Säcke stecken, spannen sie ständig dumpfgeil nach Ausländerinnen.

Gernot meinte, wenn wir schon mal da sind, sollten wir uns auch etwas ansehen. Die Idee fanden wir Spitze, denn für unsere zwanzig Dollar hatten wir Mohammed und seinen Jeep für den Rest des Tages unter Vertrag. Weshalb sollten wir Geld zum Fenster hinaus werfen? Offen gestanden, irgendwie war der Mohammed schon in Ordnung. Sissi hieß er mit Nachnamen, Mohammed Sissi, oder so.

Jedenfalls sind wir losgefahren, wollten uns aber noch mit ein paar Cola eindecken. Sie wissen ja, wie die arabischen Märkte sind. Etwa fünfzig Männer saßen dort herum und hatten nichts zu tun.

Da dachte ich, Mensch Adi, machst du dir mal einen kleinen Spaß. Ich habe Luft geholt, laut "Mohammed!" gerufen. Was soll ich Ihnen sagen? Etwa dreißig Araber haben mich angesehen. Da staunen Sie, was? Hier heißt fast jeder Mohammed, außer Achmed, denn der heißt Ali. Ha, das war wieder ein kleiner Scherz von mir. Meine Kollegen sagen immer, dass ich ein lustiger Mensch bin. Aber mal im Ernst, besonders einfallsreich ist das nicht, wenn alle den selben Namen haben, oder?

Wir sind durch das Dorf gefahren, immer schön am Meer entlang. Überall standen kleine Fischerhütten, teils aus Holz, teils aus Stein. Ein paar Boote schwammen im Wasser, die meisten lagen jedoch mit dem Kiel nach oben am Ufer. Die Fischer verarbeiten ihren Fang wahrscheinlich gleich an Ort und Stelle. Das stank vielleicht. Helene hat sich eines ihrer duftenden Taschentücher vor die Nase gehalten. Hinter den Fischerhütten ging es über sandige Wege, volles Rohr auf der rauhen Sandpiste. Hinter kleinen Maschendrahtzäunen wuchsen Palmen, die Sonne blinzelte durch die grünen Dächer der Wedel. Wir sahen kleine Seen, Bäche und grün überzogene Tümpel. Überall standen Vogelsorten herum, die ich noch nie gesehen hatte.

Plötzlich fanden wir uns in einem seltsamen Wald wieder. Stellen Sie sich mal vor, Sie fahren durch einen Sumpf, in dem ein Meer aus über zehn Meter hohen Palmen steht. Da zwitschert es überall, die großen Blätter rauschen leise, Vögel mit langen Stelzbeinen staken durch das flache Wasser. Das mag ja ganz nett aussehen, aber auf ganz Sokotra herrscht entsprechend den Warnkarten der Reiseführer die höchste Malariagefahr, und die Bevölkerung ist nicht in der Lage, diese Brutstätten der Moskitos trocken zu legen. Es ist kein Wunder, dass sich Touristen hier nicht her trauen. Ich sage immer, Mensch und Natur müssen Kompromisse machen.

Unsere Reisegruppe hat mal überlegt, wie viele Menschen auf Sokotra leben. Genau weiß es ja keiner, die Angaben gehen von achtzigtausend in meinem Reiseführer bis zu einer Million in der Phantasie der Eingeborenen. Wir haben das in unserem Reiseteam eruiert und sind auf etwa hunderttausend gekommen.

Das erstaunliche ist, dass sich die Leute fast alle kennen. Unser Mohammed hat sämtliche Leute auf dem Weg gegrüßt. Die Inselbewohner tun bei aller vordergründigen Wichtigkeit auch sehr freundlich, winken und rufen immer jasalam und käifelhal. Das habe ich mir gleich angenommen. Freundlichkeit muss sein, sage ich immer. Schließlich will man ja einen guten Eindruck machen. Die Leute sollen nicht denken, dass man arrogant ist.

Wir sind von Al Hadibu kommend die Küste Richtung Osten entlang gefahren. Nach einer Weile erreichten wir einen alten Hafen. Mohammed sagte, dass die Leute hier den Sprit von Tankern in riesige Treibstoffkessel pumpen. Die gesamte Insel wird von außen versorgt. Außer Datteln, Fisch und Ziegen gibt es ja nicht viel auf Sokotra. Eine ordentliche Fischfabrik oder eine Näherei habe ich jedenfalls nicht gesehen. Glauben Sie mir, den Leuten fehlt die Initiative. Sie haben keinen Antrieb wollen sich nichts aufbauen. Auf ganz Sokotra wird nichts produziert. Die Leute verkaufen einander Kola oder schneiden sich gegenseitig die Haare. Kein Wunder, dass die Araber nicht mit dem Hintern hoch kommen. Wenn die nicht ein wenig Öl hätten, wäre ganz Feierabend in der Region. Wir hätten die Brüder alle in Europa sitzen, und dann gute Nacht. Damit diese Faulpelze nicht kommen, müssen wir dafür sorgen, dass sie nicht verhungern. Sie wissen ja, da gibt es diese komischen Entwicklungshilfsorganisationen. Verschenktes Geld, sage ich Ihnen.

Alfons, mach doch noch mal zwei Bier und zwei Korn für mich und den Herrn hier.

Vom Hafen aus sind wir weiter gefahren, immer über völlig sauberen, absolut weißen Sand, an enorm hohen, glitzernden Dünen vorbei zu einem gestrandeten Fischkutter. Überall lagen Korallen und Muscheln, Meerschwämme, versteinerte Fossilien.

Kein Mensch sammelt die Schätze dort auf. Wir waren auch die einzigen Leute dort. Da wurde mir ganz seltsam zumute, völlig anders als auf Mallorka. Plötzlich hatte ich das Gefühl, angekommen zu sein. Der Flug, der Stress mit den Arabern, alles lag hinter mir.

Wir sind dann einfach so ein wenig spazieren gegangen, haben gewartet, bis die Sonne den Schatten der Berge auf den Strand wirft, sind unter einem weiten, roten Himmel zurück in unser Hotel gefahren. Unterwegs kamen wir an drei Plätzen vorüber, auf denen junge Männer wie die Wilden Fußball gespielt haben. Da habe ich auch gedacht, mein lieber Mann. Wenn die ihre Energie in vernünftige Arbeit stecken, sich irgendwie sinnvoll beschäftigen, könnten sie viel besser leben, sich etwas Eigenes aufbauen, glücklich werden.

Abends hat sich unsere kleine Reisegruppe gemütlich zusammen gesetzt. Vorher haben wir uns natürlich dick mit Mückenschutz eingerieben. Die Viehcher sind ja so was von aggressiv. Bloß gut, dass ich Malariprophylaxe gemacht habe. Das muss man einfach haben, oder glauben Sie, ich will mir einen Schaden für das ganze Leben wegholen? Ja, und dann gab es Abendbrot. Der Chef hat uns einen Sonderpreis gemacht. Sieben Dollar pro Person. Natürlich ist das viel Geld, aber wir konnten nicht meckern. Gebratene Thunfischsteaks, Pommes, Reis, verschiedene Gemüsesalate, Brot, dicke Saucen, Kartoffeln, Obst, Wasser, Tee und Kaffee.

Nach unserem Nachmittag am Strand fühlten wir uns irgendwie eigenartig. Wir waren ziemlich ruhig, mussten uns nicht ständig erzählen, wer wir sind, wie wir denken, und was die Anderen besser machen müßten.

Stellen Sie sich vor, die Eindrücke waren so stark, dass wir unsere Alkoholvorräte im Gepäck ließen. Natur als Droge, haha.

Wir haben herrlich unter unseren Moskitonetzen geschlafen. Mann, was habe ich wirres und buntes Zeug geträumt.

In der Nacht hat es mich aber voll erwischt. Man soll ja viel Wasser trinken, hier im Süden. Ich höre immer, was mir kompetente Leute erzählen, habe auch meine fünf Liter getrunken. Das führt natürlich zu einem unheimlichen Blasendruck. Also bin ich hoch, habe mich über den spärlich beleuchteten Flur zur Toilette geschlichen. Im Halbdunkel konnte ich nicht erkennen, wie sich aus der Schüssel ein lautloser Schwarm erhob und über mich herfiel. Als ich es merkte, war es bereits zu spät. Einundzwanzig Stiche in weniger als einer Minute. Das juckte vielleicht. Aber alles Gute ist halt eben nie beisammen.

Mit dem Fahrer Mohammed haben wir am nächsten Morgen einen Preis ausgehandelt. Für fünfzig Dollar pro Tag machte er uns den Fahrer. Zuerst wollten wir ja den Preis noch ein bisschen drücken. Es ist ja eine Menge Geld für die Verhältnisse auf der Insel. Aber dann dachten wir, dass wir vielleicht auch einen kleinen Beitrag zum Aufschwung leisten. Leben und leben lassen, sage ich immer.

Am nächsten Morgen haben wir uns entschieden, so richtig Natur zu machen. Wir hatten Zelte im Gepäck und die haben wir auch mitgenommen.

Nach dem Frühstück sind wir erst einmal ordentlich einkaufen gefahren. Man braucht ja einiges, wenn man in der Wildnis campt. So ein Kasten Cola, ein Kasten Wasser, ordentlich Konserven, Obst, Brote, das muss schon sein.

Glauben Sie, auf Sokotra gibt es richtige Straßen? Vergessen Sie es. Gerade vom Flughafen bis Al Hadibu ist ein Stückchen asphaltiert, der ganze Rest besteht aus Steinen und Sand, in den sich die abgefahrenen Reifen der Jeeps graben. Das ist vielleicht eine Ruckelei. Fahren Sie mal drei Stunden über solche Wege. So etwas funktioniert nur mit einem Geländewagen. Ich habe auf ganz Sokotra nicht einen PKW gesehen. Dabei wäre es doch ein leichtes, die Insel mit einem Netz aus schmalen Straßen zu überziehen. Stellen Sie sich vor, wie herrlich das wäre. Sie wachen früh auf, sehen in den Katalog, picken sich die Ziele raus und dann geht es ratz fatz. Da könnte man drei Sehenswürdigkeiten am Tag machen. Doch so etwas bekommen die Leute hier nicht auf die Reihe. Da müssten sie ja arbeiten.

Wir haben immer nur ein Ziel am Tag geschafft. Abends wussten wir, was wir geleistet hatten. Nach so einem Tag können Sie kaum noch krauchen, so holprig sind die Wege.

Ich meine, uns Outdoorspezialisten macht so etwas nichts aus, aber wenn die großen Reisebüros kommen, dann gibt es Theater.

Wir saßen also im Jeep und fuhren gute drei Stunden über Land. Plötzlich waren da Berge, wir sind an einem kleinen Dorf vorbei und hatten einen Blick, das haben Sie noch nicht gesehen. Eine Bucht am Meer, umstanden von Hügeln. Der Sand glänzte weiß wie Schnee und kleine Wellen funkelten in der späten Vormittagssonne wie Silber auf einem tiefblauen Ozean. Qualannsiyah hieß die Ecke. Was das auf deutsch heißt, weiß ich nicht. Wir fuhren auf den Strand, luden unser Gepäck aus. Bis auf ein paar Fischerboote gab es nichts dort unten.

In unserer Reisegruppe waren wir uns einig, dass sich dieses Ziel gelohnt hat. Wir haben die Zelte aufgebaut, sind rein ins Meer. Die Sache ist natürlich gefährlich. Im wilden Ozean verstecken sich Stachelrochen, Seeigel und manchmal auch ganz gefährliche Fische. Weit und breit finden Sie keinen Doktor, keinen Rettungsschwimmer, keine Erste-Hilfe-Station.

Wir kamen uns auf Qualannsiyah wie in einer Zeitfalle vor, fühlten uns tausend Jahre zurückversetzt. Irre, sage ich Ihnen, atemberaubend schön, geradezu jungfräulich.

Bei aller Idylle hatten wir auch Nachteile, klar. Wo nichts ist, da ist nichts. Sie kommen aus dem Wasser, wollen sich das Salz abduschen, aber da steht kein Badehäuschen. Sie haben dort keinen Service, keinen Imbiss, keine Dusche. Aber wir haben es genossen, das einfache Leben so an der Brust von Mutter Natur.

Ein bisschen getrickst haben wir ja, das gebe ich zu. Der Fahrer hat uns zum Abendbrot Fisch und Reis aus einem Dorf organisiert. Wir hatten auch gut Wodka dabei. Als es dunkel wurde, liefen am Strand Tausende von Krabben herum. Was meinen Sie, wie schnell die sich eingraben können. Zum Glück hatten die Brüder Angst vor uns. Ich will nicht wissen, wie gefährlich es ist, wenn die sich verbünden und einen Touristen angreifen.

Bis auf das Rauschen des Meeres blieb alles sehr still.

Eigentlich bin ich es am Strand gewöhnt, Musik zu hören, die leise aus den Cafes an der Uferpromenade herüber klingt. Die Nachbarn unterhalten sich auf ihren Liegen, Kinder lärmen, junge Paare necken sich. Und hier? Es roch nicht einmal nach Sonnenöl, kein Langzeitarbeitsloser sammelte mit spitzem Stock den Müll auf.

Sie werden es nicht glauben, aber ich sah nicht ein Stückchen Dreck, keinen Menschen. Was haben wir diesen Abend genossen. Nach dem Essen lagen wir in die Schlafsäcke gekuschelt, haben das Meer gehört und einen weiten, klaren Sternenhimmel gesehen. Da waren wir ganz leise, haben einfach nur so da gelegen. Ich dachte, ich bin allein und verzaubert oder so. Kein einziger Moskito säuselte einem um die Ohren. Ab und zu hat jemand einen Schluck aus der Flasche genommen oder gehustet. Diese menschlichen Geräusche wirkten auf mich wie eine Befreiung.

Unsere herrliche Strandidylle trübten nur leise, innere Ängste. Wir waren fern der Heimat, auf fremdem Boden, in urwüchsiger, gottbelassener Gegend, ohne die Beruhigung einer echten Zivilisation. Mohammed sagte zwar, es gäbe keine Raubtiere auf der Insel, nicht mal einen Hund. Aber man kann nie wissen.

Am nächsten Morgen kamen die Möwen. Die Dinger besaßen die Größe von Geiern, auf dem grauen Körper saßen gefährlich gelbe Köpfe mit eindrucksvollen Schnäbeln. Zum Glück hatten die Vögel Angst vor uns. Als wir das gemerkt haben, sind wir immer auf sie zu gerannt. Das war ein richtig toller Spaß.

Wir haben ordentlich gefrühstückt, Kaffee gekocht, in der Sonne gelegen und uns gefreut. Kein Eingeborener hat uns belästigt, kein Mensch kam baden.

Glauben Sie mir, die Bewohner auf der Insel wissen gar nicht, was sie da haben. Mit ein bisschen unternehmerischem Talent wären die alle in ein paar Jahren Millionäre.

Aber egal. Wir hatten unsere Ruhe. Ich habe mich wirklich gut erholt, weiß aber nicht, worauf dieser wahnsinnige Effekt zurückzuführen ist. Keine Frage, dass wir unseren Müll mitgenommen haben, als uns der Mohammed wieder abholte. So herrliche Gegend darf man nicht versauen. Ich meine, wir tragen alle Verantwortung für unsere Welt.

Kaum hatten wir ein paar Kilometer hinter uns, passierte es. Reifenpanne. Also, Reifen konnte man die Dinger nicht nennen. Das waren abgefahrene Latschen, jeder gut hundert mal geflickt. Aber der Mohammed hat das Rad in fünf Minuten gewechselt. Wir standen daneben und haben gestaunt. Bei ein wenig Übung und Druck können die Jungs hier auch arbeiten, wenn sie müssen.

Bei der zweiten Reifenpanne dachten wir, jetzt ist Schluss mit lustig. Sie verstehen, das Reserverad hatten wir ja schon eingebüßt. Aber da kam ein anderes Auto, hielt sofort und der Fahrer borgte unserem Mohammed sein Reserverad. In Deutschland können Sie an der Autobahn grau werden, da hilft Ihnen niemand.

Nach drei Stunden harter Fahrt kamen wir ziemlich zerschlagen im Hotel an. Das Abendessen hat uns überrascht. Die Jungs haben sich richtig Mühe gegeben, vom Allerfeinsten aufgefahren. Wir haben es an keinem Abend geschafft, alles aufzuessen. Aber das ist nicht schlimm. Was wir nicht geschafft haben, gab es ein halbes Stündchen später für die Angestellten des Hotels und unseren Mohammed. Wissen Sie, warum soll man gutes Essen wegwerfen? Die Leute haben hier ja kaum etwas. Als die Angestellten mit dem Essen fertig waren, warfen sie die letzten Reste für die Ziegen vor die Tür. So funktionieren Kreisläufe der Natur.

Unsere Abende im Hotel waren kurz, aber gemütlich. Nach jedem harten Tag ergriff uns das Gefühl, etwas ordentliches getan zu haben. Meist saßen wir noch ein Stündchen beisammen und haben Karten gespielt. Aber das leise Brummen der Stromgeneratoren machte uns müde, in eine Bar konnten wir nicht gehen, weil es keine gab und an Stranddisco oder einen Zug durch die Kneipen war auf Grund der mangelnden Infrastruktur ebenfalls nicht zu denken. Mal so richtig einen los zu machen wie auf Mallorka konnten wir vergessen.

Sagen Sie, haben Sie schon mal was von Drachenbäumen gehört? Die Dinger sind verdammt selten. Sie wachsen erst ab tausend Metern auf den Bergen und es gibt sie nur noch auf Sokotra. Überhaupt gedeihen hier seltene Pflanzen. Flaschenbäume gibt es wie Unkraut, Weihrauchbäume stehen völlig ohne Schutz umher. Ich habe hier Dinger gesehen, das glaubt mir keiner. Mohammed hat zwar eine Menge erklärt, aber das konnte sich niemand von uns merken.

Also, ich erzähle Ihnen jetzt von unserer Expedition zu den Drachenbäumen. Natürlich muss man so etwas ruhig angehen, sich vorher gut informieren. Hat doch die UNO so ein Zentrum an das Wasser gestellt. Da gibt es sechs Schautafeln und einige Einheimische. Aber glauben Sie, dass man da was kaufen kann? Fehlanzeige. Nicht mal einen einfachen Prospekt haben die, von Landkarten ganz zu schweigen. Da sitzen ein paar Leute mit wichtigem Gesicht vor teuren Computern. Wir haben keinen Aktenschrank gesehen. Wahrscheinlich war gerade kein ausländischer Experte anwesend, der die Arbeit einteilte.

Wir sind schließlich wieder zu Mohammed in den Jeep gestiegen. Aber denken Sie nicht, dass wir nun losfahren konnten. Nein, der Junge musste erst noch tanken fahren. Da fragt man sich, was das für eine Arbeitsvorbereitung ist. Also, bei uns in der Verwaltung gibt es so etwas nicht.

Irgendwann sind wir endlich hochgefahren, weit über tausend Meter auf den Berg Mashaning zu den Drachenbäumen. Wieder drei Stunden Ruckelpiste, aber die Fahrt hat sich gelohnt.

Schon auf dem Weg stehen die Flaschenbäume wie gesät. Ich sage Ihnen, wenn Sie dort einen Zaun ziehen, haben Sie einen natürlichen botanischen Garten mit einer Unmenge seltener Gewächse. Sie könnten Geld für die Besichtigung nehmen, Bier zur Erfrischung verkaufen. Aber hier? Nichts!

Wir ackerten uns weiter nach oben und dort standen sie plötzlich, diese urzeitlichen Riesen. Majestätisch wirkten sie auf uns, irgendwie von der Zeit verloren und ganz ruhig.

Was haben wir fotografiert! Jeder mit jedem unter dem Drachenbaum!

Wir hatten eine erstklassige Aussicht über die Insel, konnten weit auf das Meer hinaus sehen. Aber stellen Sie sich mal folgendes vor. Ziegen sprangen um die seltenen Drachenbäume herum. Das darf man doch in so einem Bioreservat nicht zulassen.

Ein Haufen Buschzeug wuchs überall. Ich kam mir vor, wie in einer anderen Welt. Da standen nun diese irren Bäume und man konnte sie anfassen. Die Dinger sahen aus wie riesige, knochige Regenschirme. Oben hatten sie eine grüne Kuppel und die Äste standen absolut waagerecht.

Die Einheimischen schneiden die Rinde an, popeln das rote Harz heraus und nennen es Drachenblut. Das ist gut gegen Zahnprobleme, reinigt die Frauen nach der Geburt ihrer Kinder. Man kann sich mit dem roten Harz auch lustig die Fingernägel lackieren und eventuellen Zahnerkrankungen vorbeugen.

Mensch, dachte ich. Da sitzen wir nun im Schatten unter der Krone von diesen vorsintflutlichen Gewächsen. Die Gegend sieht aus wie Utopia.
Wir dürfen hier einfach so umher wandern.

Also, das ganze Gebiet sollte man total schützen. Hier muss ein fester Zaun herum. Stellen Sie sich vor, was man alles machen könnte! Eine neue Straße hoch, einen Parkplatz und einen bewachten Eingang. Man könnte ein Restaurant bauen. Von der Aussichtsplattform hätten die Touristen einen herrlichen Blick über die Insel. Damit die Leute diese einzigartige Vegetation nicht zerlatschen, müssen Gleise verlegt werden. Anschließend fahren alle Touristen mit einer kleinen Eisenbahn um die Drachenbäume herum.

Was glauben Sie, wie gut das aussieht, wenn man auch noch ein paar Plastiksaurier aufstellt, die mit dem Kopf wackeln und wütend fauchen. Vom Eintrittsgeld könnte man das Wachpersonal bezahlen und die Naturschützer, die aufpassen, dass es den Bäumen gut geht. Das schafft Arbeitsplätze und nutzt der Landschaft.

Wir saßen also gemütlich unter einem Drachenbaum, entspannten uns nach der harten Fahrt und da erschien ein bärtiger Ziegenhirt mit seinem Sohn und lud uns zum Tee ein. Machte der doch sein Feuerchen direkt unter einem der kostbaren Bäume! Das nenne ich verantwortungslos. Und jetzt kommt es. Der Mann wollte nicht einmal Geld für den Tee annehmen. Diese Leute haben einfach keinen Geschäftsgeist. Nach einer guten Stunde hatten wir genug von den Bäumen, sind wieder zurück zum Hotel gefahren, haben unsere Badesachen geholt. Diesmal saßen doch tatsächlich ein paar Einheimische am Strand. Doch unser guter Mohammed war ein treuer Begleiter. Er hat sich mit seinem Jeep so hingestellt, dass er die Burschen im Auge behalten konnte, falls sie näher gekommen wären, um uns beim Baden zu beobachten.

Aber jetzt passen Sie mal auf. Am nächsten Tag haben wir eine richtig lange Tour quer über die Insel in den Nordosten gemacht. Mohammed chauffierte uns durch die Hoq-Area, eine weite Ebene. Rechts und links standen die Berge wie einsame Wächter. Mohammed erzählte uns, dass es hier viele unerforschte Höhlen gibt. Das war schon eine irre Gegend. Überall liefen Ziegen völlig frei umher, haben das Grün von den Büschen gefressen und sind vor uns geflohen. Nach einer guten Stunde Fahrt haben wir wieder das Meer gesehen.

Stellen Sie sich vor, Sie fahren direkt am Ufer entlang, über eine Piste, die nur von Fischern benutzt wird. Links ist das Meer und rechts ragen ziemlich schroff die Felswände in die Luft. Da wird einem schon anders. So etwas nenne ich Natur.

Wir haben nach einer Weile Pause gemacht, direkt neben einem Felsmassiv, das aussah, wie ein gelandetes Raumschiff.

Mohammed hat uns erklärt, dass es in dem Berg ein großes Höhlensystem gibt, dass sich gute drei Kilometer in den Stein streckt. Aber auch hier sahen wir keine Menschenseele.

Sie werden es nicht glauben. An dieser absoluten Sehenswürdigkeit befand sich einfach nichts. In jedem anderen Land hätte man eine Straße zur Höhle gebaut, ordentliche Führungen entsprechend dem Schwierigkeitsgrad der Touren organisiert. Aber hier? Keine Führung, kein Eintrittshäuschen, nicht einmal ein Souvenirshop. Die Höhle ist überhaupt nicht richtig erforscht. Da ruht ein gewaltiges Kapital, das einfach ungenutzt bleibt. Wir hätten da hinein gehen können, ohne jedes Hindernis. Natürlich war uns das zu gefährlich. Der Berg sah auch irgendwie bedrohlich aus. Nachdem wir genug gestaunt hatten, sind wir weiter gefahren, immer am Meer entlang, hin zu unserem Ausflugsziel im Gebiet von Ras Daydum. Als wir endlich ankamen, bin ich fast umgefallen.

So etwas habe ich noch nie gesehen.

Stellen Sie sich zwei knapp hundertfünfzig Meter hohe, weiße Dünen vor. Der Sand ist absolut weich, ganz fein. Diese Dünen liegen vor einem gewaltigen Felsmassiv und die Spitze des Felsens befindet sich genau oberhalb zwischen den Dünen. Im Fels sind Höhlen. Zwischen den Dünen streckt sich ein grünes Tal vom Berg aus direkt bis zum Meer. Unter großen Steinplatten sprudelt Wasser aus unterirdischen Quellen, fließt leise plätschernd zwischen stark duftenden Blumen, Sträuchern und kleinen Bäumen in den Ozean. Wir standen nur da und haben gestaunt.

So muss das Paradies aussehen, hat Frau Siebert-Ringstein immer wieder verzückt ausgerufen. Ich rede den Leuten ja nicht nach dem Munde, aber die gute Frau hatte Recht. Nach einer Weile haben wir uns wieder gefangen. Die Arbeit rief. Eine Feuerstelle musste gebaut werden. Gernot und ich haben die Zelte aufgebaut. Man will es ja ein wenig gemütlich haben. Trockenes Holz hatten die Einheimischen schon in Haufen für uns bereit gelegt.

Als wir fertig waren, dachte ich, Mensch Adi, als Sportsmann kletterst du jetzt auf eine Düne. Also bin ich erst einmal bis zur Hälfte hoch.

Das schlaucht, sage ich Ihnen. Von oben habe ich hinunter gesehen und dachte, allein diesen Ausblick kann niemand bezahlen. Das ist eine Erinnerung, die tragen Sie das ganze Leben mit sich herum. Diese grüne Oase am Meer, das blaue Wasser, der klare Himmel.

Junge, dachte ich, dieser Platz ist Gold wert. Hier könnte man einen absolut starken Robinsonclub hinsetzen. Ich habe mir die Hütten am Wasser vorgestellt, das große Hotel mit der Restaurantterrasse, den Swimmingpool, gespeist von glasklarem Quellwasser. Dazu zwei Tennisplätze, einen Steg für die Boote zum Wasserskifahren und eine Bungeejumpingstation am Felsen.

Irgendwann bin ich weiter nach oben geklettert.
 




Plötzlich ist etwas passiert, dass ich mir bis heute nicht erklären kann. Ich konnte keinen Schritt weiter gehen. Da war etwas, ist in mich hinein gefahren und hat Stop gesagt. Mir wurde ganz anders. Ich bin also stehen geblieben, habe mich umgesehen. In diesem Moment wußte ich, dass an diesem Ort irgend etwas Geheimnisvolles ist. Ich glaube ja nicht an Gespenster, alte Energien, heilige Plätze oder so einen Schmus. Vielleicht war da eine Erdstrahlung, irgend eine erklärbare Sache. Die Wissenschaftler werden das schon heraus finden, dachte ich und bin schnell wieder zu meiner Reisegruppe nach unten geeilt.

Nach dem Erlebnis musste ich erst mal ins Meer, habe mich entspannt auf den Wellen treiben lassen. Als ich wieder am Ufer stand dachte ich, mich trifft der Schlag. Sprudelt doch aus einem Fels glasklares, warmes Wasser. Wer hat schon das Glück, direkt am Ozean unter einer erstklassigen, natürlichen Süßwasserdusche zu stehen. Ich dachte, ich bin in der Bacardiwerbung.

Bevor die Sonne unterging, kam Mohammed und brachte einen Kingfisch. Für ein Kilo zahlen Sie in der Heimat locker 20 Euro. Aber nicht auf Sokotra. Mohammed kannte den Fischer und die drei Kilo haben nichts gekostet. Das war eine nette Geste. Wir haben uns schöne Steaks geschnitten, den edlen Fisch auf Holzglut gebraten und herrlich gegessen.

Zuerst wollte Mohammed gar nicht mit uns essen. Aber nach drei Einladungen hat er sich dann doch zu uns gesetzt. Die Sitten sind hier eben anders. Um jeden Kram wird ein riesiges Tamtam gemacht.

Nachts habe ich mich zum Schlafen draußen hingelegt, das Feuer beobachtet und einen schönen Schluck zur Entspannung getrunken. Das Mondlicht schien weiß und blau auf die Dünen, schwere Wolken hüllten den Berg in ein wallendes Kleid. Überall um mich herum tauchten plötzlich Schatten auf. Ich habe gespürt, dass der Berg lebt, sich bewegt. Später in der Nacht verschwand der Mond. Die Dünen lagen still im Licht der Sterne. Manchmal zog eine Wolke am Himmel entlang und hat gespenstische Silhouetten auf den weißen Sand geworfen. Ich konnte lange nicht schlafen und die Mitglieder meiner Reisegruppe fanden auch nicht zur Ruhe. Aber trotz des Spukes rauschte die See. Man sagt ja, Meeresbrandung sei das älteste Geräusch auf der Erde, aber in dieser Nacht klang es nicht so alt.

Am nächsten Morgen musste ich ordentlich Kaffee trinken.

Ich dachte, so eine Übernachtung hattest du noch nie. Wer bist du eigentlich, du kleiner Mensch in dieser irren Umgebung. Nach dem Morgenbad im Meer und einer herrlichen Dusche bin ich wie verrückt durch die Gegend gezogen und habe Müll gesammelt. Nicht nur unseren, alles was irgendwie herum lag.

Plötzlich hat Eike herum geschrien. Da waren Delphine im Wasser. Ganz ruhig sind sie an der Oberfläche vorbei gezogen.

Irgendwann sind wir losgefahren. Aber an diesen Ort denke ich seitdem ziemlich oft. Das ist seltsam, finden Sie nicht?

Gernot, Eike und Frau Siebert-Ringstein wollten den neuen Tag nutzen, um Ziegenhaarteppiche zu erwerben. Helene hatte nichts besseres vor. Ich bin natürlich auch mitgefahren, denn die Grundlage des Zusammenlebens einer Reisegruppe liegt in der konsequenten Anwendung demokratischer Strukturen bei der gemeinsamen Entscheidungsfindung. Natürlich muss diese Einstellung gepflegt und immer wieder bei regelmäßig angesetzten Meetings diskutiert werden.

Mohammed fuhr uns in das Hochland von Momi. Zwischen mehreren Hügeln lag ein kleines Bergdorf. Aus Feldsteinen haben die Einheimischen mehrere Gebäude errichtet. Die Bewohner standen alle am Eingang, haben uns freudig empfangen. So eine Herzlichkeit finden Sie ja heute kaum noch. Ich war erstaunt, wie einfach die Leute in ihrem Dorf leben. Strom, Wasser und Fenster gab es nicht. Etwa fünfzehn Kinder starrten uns staunend an. In einem Gemeinschaftsgebäude wurde Tee serviert.
 


Ich wunderte mich ein wenig. Etwa zehn gesunde Männer saßen dort, allesamt Onkel, Brüder oder Cousins von unserem Mohammed. Die selbe Anzahl der Frauen wurde von den Damen unserer Reisegruppe im Frauenhaus gesichtet. Was ist hier los, dachte ich. Es ist hellichter Tag und niemand arbeitet. Uns wurde erklärt, dass niemand Arbeit hat. Es gibt einige Dattelpalmen, aber die sind schnell versorgt. Man hält die Gebäude sauber. Natürlich, so sagten die Männer, würden sie gern etwas arbeiten, zum Beispiel Gemüse anbauen. Das wäre auch nützlich, denn die Mahlzeiten bestehen lediglich aus Reis, trockenem Brot sowie Tee. Einmal im Monat kommt ein wenig Fleisch auf den Tisch. Aber niemand, so sagten die Männer, erklärt ihnen, wie sie Gemüse anbauen können, und deshalb gibt es auch kein Gemüse.

Tja, da fehlt absolut die Eigeninitiative. Das glauben Sie gar nicht, wie die Leute sich gehen lassen, einfach so in den Tag hinein leben und glauben, das Allah ihnen schon etwas zu essen bringt.

Ich habe darüber nachgedacht, wovon die knapp vierzig Menschen in ihrem Dorf leben und da fiel mir Mohammed ein.

Sicher fährt er nicht jede Woche Touristen. Er unterhält ein Zwanzigtausenddollarauto, muss Benzin bezahlen, hat seine Reparaturen. Zusätzlich braucht er Rücklagen für die Anschaffung eines neuen Jeeps. Für die Woche mit uns bekommt er 350 Dollar. Nebenher hat er viele Verwandte, die sich auf seinen Knochen ausruhen. Er selbst war ungeheuer freundlich zu den Leuten im Dorf, hat sich wirklich gefreut, bei ihnen zu sein.

Das ist eigenartig, finden Sie nicht?

Die Familien hängen in diesem Land sehr aneinander. Vielleicht ist das gar nicht so schlecht, dachte ich. Das gibt eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl, das wir so nicht kennen.

Auf dem Rückweg hielt Mohammed plötzlich, sprang wieselflink aus dem Auto und verfolgte mit mehreren anderen Inselbewohnern barfuß eine entflohene Ziege. Schnell und ausdauernd hetzten diese dünnen, drahtigen Menschen die Berge empor. Alle Achtung, dachte ich. So etwas würdest du nicht durchhalten. Aber im Vergleich zu den Arabern auf dem Festland tragen die Männer hier auch keine Krummdolche und Kalaschnikows mit sich herum. Sie kauen nicht den halben Tag die Volksdroge Qat, sind immer an der frischen Luft. Außerdem essen sie sehr fettarm, das hält in Schwung.

Wissen Sie, da fällt mir gleich wieder eine neue Geschäftsidee ein.

Deutsche Alkoholiker, infarktgefährdete Manager und junge Rechtsradikale könnte man zur Resozialisierung hierher schicken. Reis, Brot, Schwarztee und Ziegenjagd als Therapie.

Auf dem Rückweg haben wir deutsche und dänische Rinder gesehen. Außerdem hoppelten Esel umher. Was haben wir gelacht!

Mensch, dachten wir am Abend im Hotel. Nun haben wir nur noch einen Tag und dann geht es schon wieder heim. Gönnen wir uns noch einmal etwas Außergewöhnliches.

Wir haben uns Taucherbrillen, Schnorchel und Flossen geliehen, sind mit Mohammed nach Ras Dehammeri gefahren. Dort gibt es eine kleine Halbinsel, die aus roten Felsen besteht.

Natürlich habe ich sofort die Schnorchelausrüstung angelegt und bin rein in das Meer. Ich sage Ihnen, das ist noch eine Unterwasserwelt. Bunte Fische, Seegurken, Garnelen, seltsam starrende Seeigel, es war herrlich. Sogar Korallen gab es dort noch. Problematisch waren nur die grässlichen Nesselquallen. Das brennt vielleicht auf der Haut. Wenn man nicht aufpasst, ratscht man sich auch an den Felsen.

Natürlich ist es herrlich zu schnorcheln. Da ist ein Hauch Abenteuer dabei. Aber auf einer Insel ohne richtiges Krankenhaus, mit nur einem Flug in der Woche besteht schon ein Risiko, mein lieber Freund.
 




Ich dachte an eine kleine Bootsstation. Wissen Sie, Tretboote mit Plexiglasboden. Wenn mehr Leute auf die Insel kämen, könnten Sie als pfiffiger Unternehmer damit gutes Geld verdienen.

Wir hatten jedenfalls einen erstklassigen Tag, haben den Lauf der Sonne beobachtet, riesige Fische im Meer springen sehen. Am Abend gab es wie immer ein hervorragendes Menü.

Dann hieß es aber packen, die Rechnungen bezahlen und noch ein wenig Karten spielen. Der Hotelchef kam ab und an zu uns, nannte immer wieder eine neue Uhrzeit, zu der wir uns am Flughafen einfinden sollten. Irgendwann sind wir zu Bett gegangen.

Tja, das war es auch schon. Am Rollfeld gab es noch eine warme Verabschiedung von unserem Fahrer, und anschließend hieß es für uns, Abschied nehmen.

Den Rückflug spare ich mir. Ich bin wieder heil hier. Das sehen Sie ja, sonst würde ich nicht mit Ihnen an der Bar sitzen. Wissen Sie, ich bin überzeugt davon, dass man aus der Insel was machen könnte.

Auf Sokotra muss ein richtiger Flugplatz gebaut werden. Dann sollten Hotels an die schönen Buchten. Was meinen Sie, wie der Laden brummt, wenn die großen Reiseagenturen anbeißen und Direktflüge organisiert werden.

So eine Natur wie auf Sokotra kriegen Sie nirgends geboten.

Ich bin ein Mensch mit Visionen. Vor meinem Geiste steht eine gut entwickelte Insel. Ich sehe Busse auf Inselrundfahrt, Strandleben mit kühlen Drinks und Fackeln im Sand. Es gibt organisierte Touren in bequemen Jeeps, einen Flughafenshuttle zu den Hotels. Man kann an gut geführten alpinen Wanderungen teilnehmen, erstklassige Hochseeangelei betreiben, hätte einen jungfräulich sauberen Spiel- und Spaßstrand. Abends gäbe es Disco am Ozean, in den kleinen Dörfern hätten Bars und Tavernen geöffnet, einheimische Musiker würden den Touristen beim Essen und zum Tanz aufspielen.

Die Einwohner hätten Arbeit, könnten sich, so wie wir, etwas aufbauen. Natürlich müssten sie langsam an die Zivilisation herangeführt werden, den Anschluss an unsere Dienstleistungsgesellschaft finden.

Die Malaria wäre kein unlösbares Problem. Diese elenden Moskitos bekommt man mit Kampfstoffen weg. Und überlegen Sie mal, auf der Insel gibt es keine Schlangen, nichts Gefährliches. Da kann man Campingdörfer bauen, richtiges Outdoorleben organisieren. Ich bin davon überzeugt, dass meine Träume in einer absehbaren Anzahl von Jahren Realität werden.

Wie bitte? Weshalb soll ich das Maul halten? Na, Sie sind mir einer. Ich spendiere hier eine Runde nach der anderen, erzähle Ihnen Dinge, von denen andere Menschen nur träumen, und Sie beleidigen mich. Was? Ich soll auf Mallorka Urlaub machen? Sie können mir glauben, dass ich das wieder tun werde, Sie Ignorant. Dort ist die Welt nämlich noch in Ordnung.